Ich dachte, ich müsste nur diesen einen Song schreiben
Mit fünf oder sechs Jahren habe ich die Plattensammlung meines Vaters durchstöbert und bin bei den Beatles hängen geblieben. Ich kann bis heute nicht genau erklären, warum. Aber mir war ziemlich schnell klar: Das ist die Welt, in der ich einmal leben möchte.
Einen Plan B hatte ich nie. Ich habe darüber auch nie besonders lange nachgedacht.
Heute produziere ich Musik für Radio- und Fernsehstationen auf der ganzen Welt. Meine Musik läuft jeden Abend bei RTL Aktuell, bei NewsNation in den USA, bei 1010 WINS in New York teilweise alle zwanzig Minuten. Und trotzdem ist der wichtigste Satz über diesen Weg vielleicht der hier: Ich habe deutlich mehr Projekte in den Sand gesetzt, als ich zum Fliegen gebracht habe.
Ein Deal am Schlagzeug
Meine ersten musikalischen Erfahrungen hatte ich mit meiner Schwester und meinem Vater in der Kirche. Mein Vater textete Beatles-Songs um – aus „Oh, I Need Your Love Babe" wurde „Oh Herr, du bist heilig". Mir war das ehrlich gesagt ziemlich egal. Ich saß am Schlagzeug und fühlte mich wie Ringo Starr.
Nach einer Messe kam ein Junge auf mich zu und schlug einen Deal vor: Wenn er auf meinem Schlagzeug spielen dürfe, dürfe ich dafür auf seiner Orgel spielen. Er hieß Peter Kent. Wir waren ungefähr sieben Jahre alt, und kurz darauf hatten wir unsere erste Band – die Flying Potatoes.
Viele Jahre später haben Peter und ich Foster Kent gegründet.
Die Ablehnung, aus der ein Beruf wurde
Irgendwann waren wir überzeugt, einen großen Hit produziert zu haben, und sind damit zu Hitradio Ö3 gegangen. Der Song hieß ausgerechnet „Flying Is Better Than Sex".
Außer ein bisschen Gelächter bekamen wir nicht besonders viel Resonanz. Aber einer der Radiomacher sagte sinngemäß: „Den Song werden wir wahrscheinlich nicht spielen. Aber ihr habt einen ziemlich guten Sound. Wollt ihr nicht mal etwas für uns produzieren?"
Genau daraus entstand unser Einstieg in Radiojingles und Audio Branding – das Geschäft, von dem wir Jahrzehnte später immer noch leben.
Im Nachhinein ist das eine meiner Lieblingsgeschichten. Wir wollten mit einem Pop-Hit ins Radio. Und die Ablehnung dieses Songs hat uns genau dorthin gebracht, wo wir hingehörten.
Der Abend, an dem ich verstand, dass ich nichts verstehe
An meine erste eigene Produktion erinnere ich mich sehr gut. Ich war großer Fan des Films „La Boum" und besonders des Songs „Reality". Den wollte ich unbedingt selbst aufnehmen.
Meine Vorstellung von Musikproduktion war damals denkbar simpel: Wenn ich nur genügend gute Musiker zusammentrommle, muss es am Ende automatisch genauso großartig klingen wie das Original. Also organisierte ich einen Geiger – im Original hatte ich irgendwo eine Geige gehört – dazu Schlagzeug und Bass, und spielte selbst Klavier.
Am Abend habe ich mir stolz unsere Aufnahme angehört. Und festgestellt: Das Original klingt um Welten besser.
Das war wahrscheinlich einer der wichtigsten Momente meiner musikalischen Entwicklung. Mir wurde klar, dass hinter dem Sound großer Produktionen ein Geheimnis stecken muss. Gute Musiker allein reichen nicht.
Von da an wollte ich herausfinden, wie dieser Sound entsteht. Im Grunde begann damals meine eigentliche Reise als Produzent.
Warum schlechtes Equipment uns weitergebracht hat
Viele Kollegen schwärmen bis heute von Analogtechnik und davon, dass analog wärmer und besser klinge als digital. Wir hatten die exakt gegenteilige Erfahrung.
Der Grund war banal: Die Analogtechnik, die wir uns damals leisten konnten, war schlecht. Unsere Bandmaschine leierte, das Mischpult rauschte. Analog war für uns gleichbedeutend mit schlechtem Sound. Das sauberste Gerät im Studio war ausgerechnet unser digitaler Sampler, ein ADS von Dynacord.
Also haben wir angefangen, immer mehr direkt in den Sampler aufzunehmen. Das klang nicht nur besser, es hatte einen enormen Vorteil: Man konnte einen aufgenommenen Sound auf eine Taste legen und ihn an jeder beliebigen Stelle im Song wieder abrufen. Wir haben uns damit eine Art Harddisk-Recording gebaut, lange bevor echtes Harddisk Recording für uns verfügbar war.
Jahre später hörte ich ein Interview mit den Produzenten von Snap!, die erzählten, dass sie bei „The Power" mit einer sehr ähnlichen Technik gearbeitet hatten – und dass dieser Workflow wesentlich für den Sound des Hits war. Da dachte ich: Interessant. Genau so haben wir schon Jahre vorher gearbeitet.
Innovation entsteht eben nicht immer dort, wo das beste Equipment steht. Manchmal entsteht sie da, wo man mit seinen Einschränkungen erfinderisch umgehen muss.
Die Misserfolge, die mehr gebracht haben
Natürlich bleiben die großen Erfolge im Gedächtnis. Wenn man die Musik für die „Zeit im Bild" produziert, die täglich im Fernsehen läuft und die praktisch jeder im Land kennt, ist das etwas Besonderes.
Aber mindestens genauso prägend waren die Misserfolge.
Ich habe einmal sehr viel Energie in ein ganzes Album gesteckt: „Two Seconds to Eternity". Zwölf Songs, viele großartige internationale Sänger, ein riesiges Projekt, an das wir wirklich geglaubt haben. Und natürlich wurde daraus nicht der Erfolg, den wir uns erträumt hatten.
Solche Erfahrungen tun im ersten Moment weh. Rückblickend lernt man aus den Projekten, die nicht funktionieren, aber häufig mehr als aus denen, bei denen alles glattläuft.
Unser eigentlicher Fehler war ein anderer, und den habe ich erst spät erkannt: Wir haben Dinge zu schnell wieder aufgegeben. Funktionierte ein Projekt nicht sofort, kam schon die nächste Idee. Genau deshalb hatten manche Projekte nie die Chance, überhaupt zu wachsen.
Die Entscheidung, die alles verändert hat
Vor einigen Jahren habe ich für meine eigene Künstlerkarriere deshalb eine klare Entscheidung getroffen: Ich konzentriere mich auf meinen Namen. Was Thomas Foster als Artist weiterbringt, mache ich. Alles andere braucht einen sehr guten anderen Grund.
Und plötzlich begann sich etwas aufzubauen. Aus wenigen hundert monatlichen Spotify-Hörern wurden mehr als 100.000, zeitweise rund 200.000.
Solche Zahlen schwanken natürlich, und allein das Halten einer Reichweite ist schwierig genug. Aber zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass daraus etwas langfristig Substanzielles entstehen kann. Nicht wegen eines Songs. Wegen der Konsequenz.
Was ich erst nach Jahrzehnten verstanden habe
Wie wahrscheinlich fast jeder junge Musiker war auch ich überzeugt: Ich muss nur diesen einen unglaublichen Song schreiben – und dann werde ich Weltstar.
Heute weiß ich, dass eine Karriere sehr viel mehr mit Strategie zu tun hat. Wann veröffentliche ich? Mit wem arbeite ich zusammen? Welches Label passt? Welches Genre, welche Zielgruppe? Welche Geschichte erzählt das Projekt? Wie baue ich Reichweite auf?
Ein fantastischer Song hilft enorm. Aber er garantiert überhaupt nichts.
Zugespitzt würde ich heute sogar sagen: Es ist wahrscheinlich leichter, mit fantastischem Marketing einen mittelmäßigen Song groß zu machen, als ohne Marketing einen fantastischen Song.
Das klingt für Musiker ernüchternd. Aber sobald man es verstanden hat, kann man viel gezielter mit dieser Realität umgehen.
Der Sänger mit der besten Stimme gewinnt nicht
Wir Musiker leben ständig in einem Spannungsfeld: Wir wollen großartige Musik machen – und wir wollen erfolgreich sein. Leider ist das nicht immer dasselbe. Oft gewinnt nicht die beste Stimme, sondern der größte Marketinghebel.
Manchmal beneide ich Musiker, die einfach sagen können: „Das ist meine Musik. Wem sie gefällt, wunderbar. Wem nicht, der hört etwas anderes."
Ich war nie so. Ich bin musikalisch immer ein Chamäleon gewesen. In meinem Beruf habe ich gelernt zu fragen: Was braucht der Kunde? Was sollen die Hörer dieser Radiostation fühlen? Ich habe mich also seltener gefragt „Was fühle ich?" als „Was sollen die Hörer fühlen?"
Gleichzeitig hat sich unglaublich viel zum Positiven verändert. Heute kann jeder Künstler selbst veröffentlichen, seine Promotion auf Instagram machen, auf YouTube seine eigene kleine TV-Show rund um seine Musik produzieren und mit einem Laptop Dinge erschaffen, für die man früher ein ganzes Team brauchte. KI multipliziert das noch einmal.
Die Kehrseite: Noch nie wurde so viel Musik veröffentlicht. Weit über 100.000 neue Songs landen täglich auf den Plattformen. Die Möglichkeiten waren noch nie größer – die Konkurrenz um Aufmerksamkeit aber auch nicht.
Was für mich heute Erfolg ist
Als Kind bestand Erfolg für mich vor allem aus der Vorstellung, selbst im Rampenlicht zu stehen. Irgendwann musste ich feststellen, dass ich nicht der größte Sänger der Welt bin – und gleichzeitig erkennen, dass mein Talent fürs Komponieren und Produzieren deutlich größer ist.
Heute geht es mir viel mehr darum, etwas aufzubauen, gute Musik zu machen und Projekte zu verwirklichen, auf die ich stolz sein kann.
Ein wichtiger Moment war der, als wir gemerkt haben, dass wir tatsächlich von unserer Musik leben können. Unser Studio war lange im Haus meiner Eltern. Irgendwann konnten wir dort ausziehen und uns ein eigenes professionelles Studio bauen – genau so, wie wir es uns immer vorgestellt hatten. Nicht weil ein Studio an sich Erfolg bedeutet. Sondern weil es sichtbar gemacht hat: Dieser verrückte Plan funktioniert.
Und dann gibt es noch eine andere Form von Erfolg, über die man selten spricht. Wenn man professionell produziert, entstehen Songs oft nach Marktkriterien: Was funktioniert? Was könnte im Radio laufen? Hört man sich diese Produktionen Jahre später an, berühren einen manchmal gar nicht die erfolgreichsten Stücke am stärksten. Sondern die Balladen, die emotionalen Sachen, die kommerziell nie eine Chance hatten. Bei mir sind das gerade „In the Sky" und „Deep Inside the Blue", die ich mit Thomas Lemmer produziert habe.
Ich höre meine eigene Musik erstaunlich selten. Aber manchmal am Abend, bei einem Glas Wein, laufen diese Stücke – und ich drehe sie richtig laut auf. Vielleicht ist das am Ende die wertvollste Form von Erfolg: wenn die eigene Musik einen selbst noch berühren kann.
Warum ich das Wissen weitergebe
Irgendwann habe ich gemerkt, wie viel es Menschen bedeutet, wenn ich weitergebe, was ich weiß – und wie glücklich mich das selbst macht.
Musik zu hinterlassen ist schön. Wissen zu hinterlassen, mit dem andere Menschen selbst Musik machen können, hat noch einmal eine andere Dimension.
Ich habe zum Beispiel eine mehrteilige Tutorial-Reihe zu FL Studio gemacht – lustigerweise nicht einmal die Software, mit der ich selbst am meisten arbeite. Trotzdem wurde sie fast eine Million Mal angesehen. Wenn ich daran denke, dass heute irgendwo Menschen Musik produzieren, weil sie vielleicht mit diesen Videos angefangen haben, finde ich das großartig.
Als Produzent arbeitet man normalerweise im Hintergrund. Millionen Menschen kennen deine Musik, aber kaum jemand deinen Namen. Durch den Kanal und die Community interessieren sich Menschen plötzlich nicht nur dafür, was ich produziert habe, sondern auch dafür, wie ich arbeite und warum. Das ist etwas sehr Schönes.
Zwei Ratschläge
Nach wie vor halte ich es für unschlagbar, wenn ein Künstler wirklich etwas kann. Wer großartig singt, ein Instrument beherrscht, Songs schreibt und damit Menschen berührt, hat etwas sehr Wertvolles. Ob bei der Produktion KI im Spiel war oder nicht, wird in ein paar Jahren kaum noch eine Rolle spielen.
Denn Menschen folgen Menschen. Wir schauen zu anderen auf, weil sie etwas können, weil wir ihre Persönlichkeit mögen, weil ihre Geschichte uns interessiert. Daran wird KI nichts ändern.
Deshalb würde ich einem jungen Künstler zwei Dinge sagen:
Lerne dein Instrument. Und wenn dein Instrument deine Stimme ist, dann lerne deine Stimme.
Fang so früh wie möglich an, dein eigenes Publikum aufzubauen. Warte nicht darauf, dass eine Plattenfirma kommt und dich entdeckt. Labels suchen längst nicht nur den besten Song oder die beste Stimme. Sie schauen, ob jemand bereits bewiesen hat, dass er Menschen erreichen kann.
Werde gut in dem, was du tust – und finde gleichzeitig die Menschen, für die du es tust.
Und der Antrieb?
Ich weiß nicht genau, woher dieser fast unerschütterliche Glaube kommt, dass ich musikalisch noch etwas Großes erreichen kann. Rational weiß ich natürlich, dass manche Züge abgefahren sind. Ich werde wahrscheinlich nicht mehr der nächste David Guetta.
Erstaunlicherweise ändert diese Erkenntnis fast nichts an meinem Antrieb. Ich arbeite trotzdem weiter.
Und irgendwann habe ich verstanden, dass das überhaupt nicht tragisch ist. Vielleicht erreiche ich diesen großen Traum nie. Aber das Arbeiten an diesem Traum macht mich glücklich.
Das ist eigentlich eine wunderbare Erkenntnis.
