Thomas Foster Sound & Vision
Dr. Dre nutzt KI – und hat für die Skeptiker eine sehr deutliche Antwort
Musikbusiness

Dr. Dre nutzt KI – und hat für die Skeptiker eine sehr deutliche Antwort

· von Thomas Foster

Wenn du KI in der Musik grundsätzlich ablehnst, hat Dr. Dre eine ziemlich direkte Antwort für dich. In einem gemeinsamen Interview mit Jimmy Iovine, das die New York Times Ende August veröffentlicht hat, sagt er:

I think the only people that see it as a threat are the people who have trouble creating.

Das ist hart formuliert, und man muss es nicht teilen. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen, warum er das sagt – denn seine Begründung ist keine Provokation, sondern ein historisches Argument.

Das Drumcomputer-Argument

Dre erzählt von einem Gespräch, das er kurz vorher geführt hat:

I had a discussion with a few people a few days ago. They were against AI and I'm like, „OK, you sound like the person that would have been against the drum machine when it came out." Or synthesizers, right? It's a new tool for creativity.

Sein Punkt: Neue Technik ersetzt nicht automatisch Kreativität. Sie erweitert erst einmal den Werkzeugkasten. Und dann kommt der Satz, der bei ihm mehr wiegt als bei den meisten anderen:

I'm embracing it. I can't wait to see what's going to happen with this.

Warum das ausgerechnet bei Dr. Dre etwas bedeutet

Kaum ein Produzent steht so sehr für das Gegenteil von „Knopf drücken und laufen lassen". Dre steht für präzise Kontrolle, für Soundauswahl, für jahrelange Detailarbeit an einzelnen Elementen. Wenn jemand ein Interesse daran hätte, den Produzenten als unersetzlichen Handwerker zu verteidigen, dann er.

Und genau deshalb ist interessant, wie er KI beschreibt, wenn er über die eigene Arbeit spricht: Er erschafft zuerst selbst etwas und benutzt KI dann, um zu sehen, was sie daraus machen würde.

Das ist die Beschreibung eines hybriden Workflows, wie er im Buch steht. Nicht „die Maschine macht den Song", sondern „ich habe eine Idee, und die KI zeigt mir eine Variante davon, auf die ich selbst nicht gekommen wäre". Der Mensch setzt den Ausgangspunkt, die Maschine liefert Alternativen, der Mensch entscheidet.

Er sagt nicht: Drückt auf einen Knopf und lasst die Maschine alles machen. Er sagt: Ich nehme dieses Werkzeug an und will sehen, was daraus entsteht.

Die „Closet AI Producers"

Jimmy Iovine ist in dem Gespräch mindestens genauso deutlich. Seine These: Begabte Menschen werden mit KI bessere Platten machen.

When gifted people have AI, they're going to make better records.

Schlechte Musik wird es trotzdem geben – aber die gab es eben auch vorher schon, und dafür hat noch nie eine Technologie die Schuld getragen.

Der Satz aus dem Interview, der mir am meisten hängen geblieben ist, ist allerdings ein anderer. Iovine spricht von den Closet AI Producers: Produzenten, die KI längst einsetzen, es öffentlich aber nicht zugeben. Dre stimmt ihm zu:

That's a good way to put it. They're using it, they just don't want to admit it.

Und damit beschreiben die beiden ziemlich genau, was gerade in vielen Studios passiert. Die Technik ist da, sie wird benutzt, und es redet niemand darüber.

Was das Interview offenlässt

Bei aller Klarheit in der Haltung – konkret werden die beiden nicht. Sie sagen nicht, welche Programme sie einsetzen. Sie sagen nicht, welche Elemente sie generieren lassen. Und sie sagen nicht, wie weit sie die Ergebnisse anschließend noch verändern.

Das ist schade, denn genau das wäre für uns das eigentlich Nützliche. Aber die Haltung ist trotzdem eine Aussage: Zwei Menschen, die mit Interscope, Beats und einigen der prägendsten Hip-Hop-Produktionen der letzten Jahrzehnte Musikgeschichte geschrieben haben, behandeln KI nicht wie einen Ersatzproduzenten. Sie behandeln sie wie das nächste Werkzeug.

Warum ich es wichtig finde, dass er offen darüber redet

Ich halte es für ziemlich entscheidend, dass jemand wie Dr. Dre damit offen umgeht. Denn wenn wir KI nur kritisieren und tabuisieren, verschwindet sie nicht. Die Menschen verwenden sie einfach heimlich. Genau das meint Iovine mit den Closet AI Producers.

Und Heimlichkeit ist inzwischen sogar praktisch ein Problem. Denn während in den Studios geschwiegen wird, verlangen die offiziellen Regelwerke mittlerweile das Gegenteil: Die neuen Chartgrundsätze in Deutschland und Australien setzen ausdrücklich voraus, dass offengelegt wird, wo KI beteiligt war – und wer den Einsatz verschleiert, riskiert den Ausschluss aus der Wertung. Der Closet AI Producer ist damit nicht mehr nur unehrlich, er wird gerade zum Risiko für sein eigenes Release.

Wir sollten also offen darüber sprechen, wie wir diese Werkzeuge kreativ und verantwortungsvoll einsetzen. Und ehrlich gesagt: Diese Diskussion ist nicht neu. Synthesizer, Drum Machines, DAWs, Autotune, Melodyne – alle wurden anfangs kritisiert. Trotzdem haben gerade jene Produzenten die Musik der vergangenen Jahrzehnte geprägt, die mit neuen Technologien experimentiert und daraus etwas Eigenes gemacht haben.

Einen Unterschied gibt es diesmal, und den will ich nicht kleinreden: KI kann heute erstmals auch als kompletter Produzent auftreten. Ein Drumcomputer konnte das nie. Deshalb ist die Debatte grundsätzlicher als damals.

Aber deshalb den Einsatz als kreatives Werkzeug zu boykottieren, ergibt für mich überhaupt keinen Sinn. Man verzichtet damit nicht auf die schlechten Ergebnisse, die andere produzieren. Man verzichtet nur auf die eigenen guten.