Mit Plattenlabels arbeiten: Verträge, Demos und was Labels wirklich sehen wollen
Ob man heute noch ein Label braucht, ist die eine Frage. Aber wenn man mit einem Label arbeiten will: Wie läuft das eigentlich konkret? Darüber habe ich ausführlich mit Johannes Ripken gesprochen – Produzent, ehemaliger Universal-Mitarbeiter und selbst Label-Chef. Hier die wichtigsten Erkenntnisse.
Die zwei klassischen Vertragsformen
Der Bandübernahmevertrag: Du lieferst als Künstler einen fertigen, fertig gemasterten Track ab. Das Label muss nichts mehr daran machen und kann direkt in die Vermarktung gehen. Hier lassen sich die besseren Konditionen herausarbeiten.
Der Künstlervertrag: Der Klassiker für Künstler, die Unterstützung brauchen – Produzenten, Songwriter, das ganze Drumherum. Diese Vertragsform ist seltener geworden, weil heute mit digitalen Produktionsmitteln so viel selbst möglich ist. Und hier stammen auch die berüchtigten Geschichten her – etwa dass Stars nur einstellige Prozentsätze bekamen. Der Grund: Wer nur die Stimme beisteuert, während alles andere vom Label kommt, bekommt entsprechend weniger.
Die Zahlen: Was ist heute üblich?
Bei Bandübernahmeverträgen – also fertigen Tracks – liegt die Bandbreite nach Johannes' Erfahrung bei 30 bis 50 Prozent von dem, was das Label von den Streamingplattformen bekommt. Mittlerweile sind 50 Prozent eher der Standard; vor einigen Jahren waren es noch eher 30, zu Zeiten physischer Tonträger teils nur 15 bis 20.
Meine wichtigste Vertragsregel
Verträge sind schwer zu verstehen – und mittlerweile ist KI eine echte Hilfe: einfach den Vertrag von ChatGPT durchgehen lassen und erklären lassen, worauf man achten soll.
Ich selbst habe es für mich immer auf eine einfache Frage heruntergebrochen: Gebe ich wirklich nur die Rechte für diesen einen Song her? Wenn das gewährleistet ist, ist der schlimmste Fall: Der Song ist weg und wurde kein Hit. Ärgerlich, aber verkraftbar. Kritisch wird es erst, wenn der Vertrag mich verpflichtet, auch die nächsten Singles dort zu veröffentlichen.
Dazu muss man wissen: Labels arbeiten gern mit Optionen – sie wollen sich die nächsten Tracks sichern, weil sich der Aufwand für einen einzelnen Track kaum lohnt und sie Künstler langfristig aufbauen wollen. Das ist legitim und kann sogar im Interesse des Künstlers sein: Wer will schon als Katalognummer abgearbeitet werden? Aber man sollte genau wissen, was man unterschreibt.
Praktisch ist übrigens: Bei vielen Labels läuft jede weitere Single automatisch unter den Konditionen des ersten Vertrags, wenn nichts Neues verhandelt wird. Wenn die Konditionen stimmen, redet man ab dann nur noch über Musik.
Die Demo-Einsendung: So hebst du dich ab
Die Realität aus Label-Sicht: Hunderte Einsendungen, und der kleinste Teil davon ist gut gemacht. Das heißt im Umkehrschluss – mit guter Arbeit hebt man sich leicht ab. Die wichtigsten Regeln:
Kein MP3-Anhang. Labels hassen vollgespamte Postfächer. Lieber einen Link – SoundCloud, Google Drive, irgendetwas zum Draufklicken. Besonders clever: jedem Label einen eigenen privaten SoundCloud-Link schicken. Dann siehst du genau, welches Label reingehört hat – und wie oft.
Persönlich statt anonym. „Sehr geehrtes Team"-Massenmails erkennt jeder A&R sofort. Viel stärker: Recherchieren, wer beim Label die Demos hört, die Person direkt und mit Namen anschreiben, Bezug auf das Label und seine Releases nehmen. Die Chance, dass reingehört wird, ist um ein Vielfaches größer. Und: im Musikbusiness grundsätzlich duzen – wir sind Künstler, keine Bewerber im Anzug.
Den Künstler zeigen, nicht nur den Song. Das war Johannes' wichtigster Kritikpunkt an typischen (auch KI-generierten) Anschreiben: Es fehlen Informationen zum Künstler. Labels wollen kein reines Track-Business – sie wollen wissen, wer da ist, wofür er steht, wohin er will. Die Mail selbst kurz halten, aber ein PDF oder einen Link mit Bio, Fotos und Social-Media-Profilen beilegen.
Und ja: Ein A&R schaut sich die Zahlen an. Instagram-Follower sind ein zusätzliches Promotion-Tool, monatliche Spotify-Hörer schaffen Ernsthaftigkeit. Aber – so Johannes ausdrücklich – auch wer bei null anfängt, hat eine Chance. Es zählt das Gesamtbild.
Warum das alles wichtiger wird: Durch KI wird die Qualität der eingesendeten Songs gerade dramatisch besser – der Unterschied zwischen guten und schlechten Songs wird immer schwerer hörbar. Umso wichtiger wird der Künstler dahinter.
Beziehungen sind keine Abkürzung – sie sind das System
Vieles in der Musikindustrie beruht auf Beziehungen. Das klingt nach „Vitamin B", ist aber schlicht eine menschliche Reaktion auf hunderte Einsendungen: Man braucht einen Filter. Eine Empfehlung, ein bekannter Name, ein persönlicher Anruf schlägt jede anonyme Mail. Beziehungsaufbau ist Hausarbeit – als DIY-Künstler genauso wie als Label. Und heute funktioniert das sogar online, wenn man clever agiert.
Wie ein Release abläuft
Vor dem Release: Pressetext, Plan, Promomaterial. Interessant: Die Promotion rückt heute immer näher ans Release-Datum – denn wenn etwas beworben wird, soll es auch verfügbar sein, sonst verpufft der Effekt. Videos als Promo-Element sind dank KI und Stock-Material kein Kostenfaktor mehr, sondern nur noch Zeitaufwand. Dann: Spotify-Pitch (rechtzeitig vor Release, für Editorial-Playlists und den Algorithmus), Medienpartner, DJs, Influencer versorgen.
Und ein letzter Punkt, der unterschätzt wird: Entscheidend ist nicht nur, was ein Label theoretisch leisten kann – sondern wie sehr sich die Person, die für deinen Track zuständig ist, tatsächlich reinhängt. Es gibt Label-Leute, die am Sonntag anrufen, weil gerade der Algorithmus anspringt und jetzt gepostet werden muss. Genau solche Partner will man.
Das Fazit von Johannes Ripken
Die Frage sollte nicht sein: „Brauche ich ein Label oder nicht?" Sondern: Welche Strukturen und Partner helfen mir, mich als Künstler weiterzuentwickeln und aufs nächste Level zu kommen? Die Label-Künstler-Beziehung ist eine sehr intensive, wenn man sie richtig lebt. Die passende Home-Base zu finden – ein Label, mit dem man wachsen will – ist deshalb eine der wichtigsten Entscheidungen einer Musikkarriere.
