Thomas Foster Sound & Vision
In fünf Jahren bedient kaum noch jemand eine DAW so wie heute
KI

In fünf Jahren bedient kaum noch jemand eine DAW so wie heute

· von Thomas Foster

Über ein Jahr lang habe ich an einem Projekt gearbeitet, über das ich nicht sprechen durfte: mein neues Buch „Musik produzieren“. Darin habe ich versucht, alles zusammenzufassen, was ich in über 35 Jahren Musikproduktion gelernt habe. Und während ich daran geschrieben habe, ist mir eines immer klarer geworden:

In fünf Jahren wird kaum noch jemand seine DAW so bedienen, wie wir das heute tun.

Mit DAW meine ich die Digital Audio Workstation, also das Programm, in dem wir produzieren: Logic, Ableton Live, Cubase, FL Studio und wie sie alle heißen. Ich glaube nicht, dass diese Programme verschwinden. Aber ich glaube, dass wir sie ganz anders benutzen werden.

Wie viel von unserer Studioarbeit ist eigentlich kreativ?

Überleg mal, wie wir heute Musik produzieren. Wir sitzen stundenlang vor dem Bildschirm, öffnen Plugins, verschieben Fenster, schneiden Audiodateien, korrigieren Fehler und suchen Einstellungen.

Ich würde behaupten: 90 Prozent dieser Arbeit sind keine kreative Tätigkeit. Das ist einfach Arbeit. Gemessen habe ich das natürlich nicht, es ist mein Gefühl nach vielen Jahren im Studio. Aber ich vermute, du kennst das auch.

Der Moment, um den es eigentlich geht

Was begeistert uns denn eigentlich an der Musikproduktion? Für mich ist es dieser Moment, wenn ich eine Idee im Kopf habe, mich ans Keyboard setze, etwas einspiele, zuhöre und plötzlich denke: Wow, da könnte was richtig Gutes draus werden.

Dann probiere ich etwas aus. Ich verändere die Harmonie, suche einen anderen Sound, höre mir vielleicht einen Referenzsong an oder lasse mich auch von einer KI-Produktion inspirieren. Nicht, weil die KI meine Musik machen soll, sondern weil ich neue Ideen suche.

Genau um diesen Moment geht es. Alles andere ist Handwerk drumherum.

So stelle ich mir das Studio in Zukunft vor

Ich möchte Musik produzieren, nicht Software bedienen.

Stell dir vor, ich sitze im Studio, spiele eine Bassline ein und sage: „Schneide die Aufnahme sauber, korrigiere die Timing-Fehler und bereite mir drei verschiedene Sounds vor, damit ich sie vergleichen kann.“ Ein paar Sekunden später ist alles erledigt. Ich höre mir die Varianten an, entscheide mich für einen Sound und spiele die nächste Spur ein.

Die musikalischen Entscheidungen treffe weiterhin ich. Aber die ganze technische Arbeit dazwischen erledigt die KI.

Ganz ausgedacht ist das nicht. Die ersten Bausteine gibt es schon. In meinem Überblick KI steuert deine DAW habe ich zusammengestellt, wie sich KI-Agenten heute schon mit Ableton, Bitwig, Logic, Cubase, FL Studio und REAPER verbinden lassen. Im Test mit StudioPilot hat eine KI in Ableton Live Drum-Spuren angelegt, Klavier und Bass programmiert und eine Effektkette gebaut. Und mit Google Flow Music habe ich mir per Texteingabe ein eigenes kleines Instrument bauen lassen.

Das ist alles noch ziemlich am Anfang. Vieles klappt, manches nicht, und nicht jedes Plugin lässt sich fernsteuern. Ob es am Ende wirklich fünf Jahre dauert, weiß niemand. Das ist meine Einschätzung, keine Prognose mit Garantie. Aber die Richtung ist für mich klar.

Geschwindigkeit bedeutet mehr Kreativität

Und weißt du, was ich daran am spannendsten finde? Geschwindigkeit bedeutet mehr Kreativität.

Wenn ich für eine Idee einen ganzen Tag brauche, überlege ich mir dreimal, ob ich sie überhaupt ausprobiere. Wenn ich dieselbe Idee in 30 Sekunden testen kann, probiere ich vielleicht zehn verschiedene Varianten aus. Neun davon sind vielleicht Mist. Aber die zehnte ist plötzlich fantastisch.

Deshalb glaube ich, dass künstliche Intelligenz die Musikproduktion nicht weniger kreativ machen muss. Ganz im Gegenteil: Sie kann uns endlich von einem großen Teil der unkreativen Arbeit befreien.

Auch Suno denkt in diese Richtung

Spannend finde ich, dass auch die KI-Musikfirmen nicht mehr nur an den fertigen Song auf Knopfdruck denken. Ich habe vor Kurzem mit Elias von Suno gesprochen und ihn gefragt, ob Suno irgendwann eine vollständige Produktionsumgebung werden soll oder ob es weiter mit unseren bestehenden DAWs zusammenarbeitet. Seine Antwort, sinngemäß: Suno will beides. Suno Studio soll ein eigenständiges Produktionswerkzeug werden, und gleichzeitig soll die Zusammenarbeit mit den Programmen besser werden, die Musiker heute schon benutzen. Einen Zeitplan hat er nicht genannt, das ist also ein Ziel und kein fertiges Produkt. Das ganze Interview findest du auf meinem YouTube-Kanal.

Wo Suno Studio heute steht, kann man nachlesen. Mit Version 2.0 vom 13. August 2026 kamen laut Suno MIDI, Audioeffekte, ein Wavetable-Synthesizer, Automation und eine Chat-Leiste dazu, über die man auch eigene Plugins und Presets bauen lassen kann. Das Ganze läuft im Browser und nur im Premier-Abo. Externe VST- oder Audio-Unit-Plugins lassen sich laut Suno-Hilfe nicht laden. Ein Ersatz für meine DAW ist das heute also nicht.

Wie Profis das jetzt schon kombinieren, zeigt Suno in eigenen Videos. In einem davon ist Dallas Austin zu sehen, der unter anderem Madonnas „Secret“ und TLC-Hits wie „Creep“ und „Unpretty“ mitgeschrieben und produziert hat. In solchen Videos sieht man, wie musikalische Ideen von Logic zu Suno und wieder zurück wandern, und zwischendurch kommen echte Musiker dazu. Natürlich sind solche Herstellervideos ausgewählte Erfolgsgeschichten. Aber sie zeigen ganz gut, wohin die Reise geht.

Und genauso arbeite ich auch

Ich lasse mir selten einen ganzen Song generieren. Manchmal brauche ich echte Streicher oder echte Bläser, habe aber nicht das Budget, ein Orchester aufzunehmen. Manchmal fehlt einfach die Zeit, einen Gitarristen ins Studio zu holen. Natürlich kann ich auch mit Sample-Libraries arbeiten, aber bei manchen Instrumenten bekomme ich mit KI mittlerweile deutlich überzeugendere Ergebnisse.

Also lasse ich mir nur die Instrumente erzeugen, die ich gerade brauche, hole sie zurück in meine DAW und produziere damit weiter. Wie so ein hybrider Workflow in der Praxis aussieht, habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben.

Für mich ist das die eigentlich spannende Entwicklung: nicht, dass die KI uns die Arbeit wegnimmt, sondern dass sie uns musikalische Möglichkeiten gibt, die wir vorher nicht hatten. Die entscheidende Frage ist längst nicht mehr, ob man KI in der Musikproduktion einsetzen kann, sondern wie kreativ man damit umgeht.

Mein Fazit

Wir werden in Zukunft weniger Zeit damit verbringen, unsere DAW zu bedienen, und viel mehr Zeit damit, Musik zu machen. Davon bin ich überzeugt. Wie schnell das geht und welche Werkzeuge sich durchsetzen, ist offen.

Und jetzt interessiert mich deine Meinung: Glaubst du, dass wir uns in fünf Jahren noch mit der Maus durch die DAW klicken? Oder haben wir dann endlich wieder mehr Zeit für die Musik?

Dieser Artikel basiert auf meinem KI-Musik-Update vom 23. Oktober 2026 auf YouTube. Angaben zu Suno Studio: Suno Release Notes und Suno-Hilfe, Stand 23.10.2026.