Mein eigenes Plugin in gut zwei Minuten: Google Flow Music baut Instrumente per Prompt
Stellt euch vor, ihr habt eine Idee für ein Musik-Plugin. Einen Synthesizer, einen Effekt, eine kleine Drum Machine. Und statt selbst programmieren zu müssen, beschreibt ihr einer KI einfach, was ihr haben wollt. Ein paar Minuten später läuft das Ding in eurer DAW (Digital Audio Workstation), also in eurem Musikprogramm.
Genau das verspricht Google Flow Music seit Anfang Oktober. Ich habe es in einem kurzen amerikanischen YouTube-Video gesehen und wollte wissen, ob das wirklich so einfach ist. Also habe ich es im KI-Musik-Update selbst ausprobiert.
Was Google Flow Music eigentlich ist
Flow Music ist Googles Musikstudio im Browser. Angefangen hat es unter dem Namen ProducerAI, im April 2026 wurde es in Google Flow Music umbenannt. Im Mittelpunkt stehen dort eigentlich Songs: Man chattet mit einem „Producer“ und lässt komplette Titel mit Gesang erzeugen, inzwischen mit dem Musikmodell Lyria 3.5, das Google Ende Juli vorgestellt hat.
Für uns Produzenten ist aber ein anderer Bereich spannender: die sogenannten Spaces. Dort beschreibt man in ganz normaler Sprache ein Werkzeug, zum Beispiel ein Instrument, einen Effekt oder einen Sequenzer, und Flow Music baut es. Neu ist seit dem 6. Oktober 2026, dass man solche Instrumente und Effekte als Plugin in den Formaten VST3 und AU (Audio Units) exportieren kann. Das sind die beiden Formate, die praktisch jede DAW auf dem Mac lädt. Google hat das in seinem Blog als „Vibe Coding“ für Musikwerkzeuge angekündigt: Man programmiert nicht, man beschreibt.
Mein Test: ein Percussion-Synth für elektronische Congas und Bongos
Ich wollte etwas bauen, das man nicht an jeder Ecke kaufen kann: einen kleinen Percussion-Synthesizer, der elektronische Congas und Bongos erzeugt und auf Knopfdruck immer wieder einen neuen Sound generiert.
Den Prompt habe ich mir von ChatGPT schreiben lassen. In Flow Music bin ich in die Spaces gegangen, wo es inzwischen einen eigenen Einstieg gibt, um ein Plugin zu bauen. Prompt rein, abschicken, Stoppuhr an.
Nach 2 Minuten und 11 Sekunden war das Plugin fertig. Mit Oberfläche und mit Reglern, die sich schon bewegen ließen. Ich war ehrlich gesagt kurz sprachlos. Hören konnte ich im Browser allerdings noch nichts, das kam erst in der DAW.
So kommt das Plugin in die DAW
Über den Knopf „Use in DAW“ bekommt man zwei Downloads, und den Unterschied sollte man einmal verstanden haben:
- Das Flow-Music-Plugin selbst. Das installiert man nur ein einziges Mal. Danach stehen in der DAW zwei Plugins zur Verfügung: Flow Instrument und Flow Effect.
- Die eigene Kreation als .fmx-Datei. Das ist sozusagen das Patch, also genau das, was ich gerade gebaut habe. Diese Datei zieht man einfach auf Flow Instrument oder Flow Effect.
Bei mir hat das auf Anhieb funktioniert: Datei reingezogen, und da war mein Plugin. Mit dem Random-Schalter erzeugt es neue Percussion-Sounds, mit den Reglern kann ich den Klang weiter bearbeiten. Für jede weitere Kreation braucht man nur eine neue .fmx-Datei, keine neue Installation.
Falls die beiden Flow-Plugins in eurer DAW nicht auftauchen, muss die DAW AU- beziehungsweise VST3-Plugins einlesen dürfen. In Ableton Live schaltet man das in den Einstellungen unter Plug-Ins ein und lässt die Plugins neu scannen.
Die Grenzen, die man kennen sollte
So beeindruckend das ist, es gibt ein paar wichtige Einschränkungen. Laut Google gilt derzeit:
- Nur macOS. Die Plugins laufen im Moment ausschließlich auf dem Mac. Einen Termin für Windows hat Google nicht genannt.
- Nur Klangsynthese, keine Samples. Instrumente dürfen nur synthetisch erzeugte Klänge verwenden. Instrumente auf Sample-Basis und alles, was generiertes KI-Audio nutzt, lassen sich noch nicht als Plugin exportieren.
- Noch nicht für alle Konten. Wer in den Spaces keinen Filter für Plugins sieht, hat die Funktion möglicherweise noch nicht freigeschaltet bekommen.
- Der Prompt zählt. Google empfiehlt, im Prompt ausdrücklich „Plugin“ oder „VST“ zu schreiben. Erscheint der Knopf „Use in DAW“ nicht, soll man den Producer bitten, daraus ein VST-Plugin zu machen.
Dazu kommen die allgemeinen Voraussetzungen: ein Google-Konto, ein bestätigtes Alter ab 18 Jahren und ein Standort in einer der unterstützten Regionen.
Was kostet das?
Die Grundfunktionen von Flow Music sind laut Google kostenlos. Wer mehr Credits und Generierungen braucht, kann ein Abo abschließen. Im österreichischen App Store werden dafür aktuell 8,99 Euro (Starter), 29,99 Euro (Plus) und 69 Euro (Member) im Monat angezeigt, jährlich wird es etwas günstiger (Stand 16. Oktober 2026, im Web können die Preise abweichen). Wer bereits ein Google-AI-Abo hat, bekommt laut Google die passenden Vorteile: Google AI Plus entspricht Starter, Pro entspricht Plus und Ultra entspricht Member.
Wie viele Credits ein einzelner Plugin-Bau verbraucht, habe ich in Googles Unterlagen nicht gefunden. Ebenso offen ist für mich, was man mit so einem Plugin darf, ob man es zum Beispiel weitergeben oder verkaufen kann. Und eine Frage sollte man sich auch stellen: Die .fmx-Datei läuft nur im Flow-Plugin von Google. Was mit den eigenen Kreationen passiert, wenn Google das Plugin ändert oder den Dienst irgendwann umbaut, weiß heute niemand. Wer damit ernsthaft produzieren will, sollte diese Abhängigkeit im Hinterkopf behalten.
Liebe Waves, liebe Native Instruments …
Als mein Conga-Synth zum ersten Mal in der DAW lief, musste ich lachen. Und dann kam mir ein Gedanke: Liebe Firma Waves, liebe Native Instruments, das wird spannend, wie ihr in Zukunft eure Plugins verkaufen wollt, wenn es bald länger dauert, ein Plugin zu kaufen, als sich selbst eines zu bauen.
Ganz so ernst meine ich das natürlich nicht. Ein Plugin, das in zwei Minuten entsteht, ist etwas anderes als ein Instrument, an dem ein Team jahrelang an Klang, Bedienung und Stabilität gearbeitet hat. Wie sich so ein Selbstbau-Plugin in einer großen Session schlägt, wie viel Rechenleistung es braucht und wie es auf Dauer klingt, kann ich nach einem ersten Test nicht sagen.
Aber für kleine, sehr persönliche Werkzeuge ist das eine echte neue Möglichkeit. Genau der eine Effekt, den es so nicht zu kaufen gibt. Ein Instrument für ein bestimmtes Projekt. Ein Zufallsgenerator für Sounds, wenn man gerade festhängt.
Einen ganz anderen Weg ist übrigens Deniz Cesit mit seinem Synthesizer SIRA gegangen: Er hat sich von KI-Programmieragenten über Wochen ein komplettes eigenes Plugin bauen lassen, mit eigenem Code und eigenen Tests. Flow Music ist im Vergleich dazu die Schnellstraße, dafür bleibt man im System von Google.
Mein Fazit
Ich habe in gut zwei Minuten ein Plugin gebaut, ohne eine einzige Zeile Code zu schreiben, und es lief in meiner DAW. Das hätte ich vor einem Jahr nicht für möglich gehalten.
Gleichzeitig ist das erst ein Anfang: nur Mac, nur synthetische Klänge, noch nicht für alle freigeschaltet, und bei Rechten und Abhängigkeit sind viele Fragen offen. Ausprobieren würde ich es trotzdem jedem, der neugierig ist und auf dem Mac produziert. Einfach mal ein eigenes kleines Instrument bauen und hören, was dabei herauskommt.
Im selben KI-Musik-Update habe ich übrigens auch eine KI direkt in Ableton Live arbeiten lassen. Wie sich StudioPilot dabei geschlagen hat, steht in meinem Praxistest. Und wie man KI-Agenten auch mit anderen Musikprogrammen verbindet, habe ich in meiner Übersicht der KI-Schnittstellen für DAWs zusammengestellt.
Das ganze Video findet ihr hier: KI baut Plugins, steuert Ableton & produziert ganze Alben!
