Thomas Foster Sound & Vision
Spotify kennzeichnet KI-Künstler – und nimmt sie aus den Empfehlungen
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Spotify kennzeichnet KI-Künstler – und nimmt sie aus den Empfehlungen

· von Thomas Foster

Spotify hat am 11. August eine Ankündigung gemacht, die in unserer Ecke der Musikwelt für einige Aufregung sorgt. Es geht um ein neues Kennzeichen: das AI-Persona-Badge.

Und weil in den letzten Tagen einiges durcheinandergeht, gleich vorweg der Satz, auf den es ankommt. Spotify schreibt selbst:

Bei diesem Badge geht es um die öffentliche Identität des Künstlers, nicht darum, wie die Musik gemacht wurde.

Das ist der entscheidende Unterschied. Es geht nicht um deine Produktionsweise. Es geht um die Frage, ob es dich als Künstler überhaupt gibt.

Was das Badge kennzeichnet

Spotify formuliert es so: Das Badge signalisiert den Hörern, dass die Identität eines Künstlers möglicherweise KI-generiert ist und keine reale Person repräsentiert.

Ein Beispiel, das mir untergekommen ist: ein Profil mit tollen Fotos auf Instagram, professionell aussehenden Plattencovern, einer kleinen, aber wachsenden Hörerschaft. Nur: Diese Person existiert nicht. Weder die Fotos noch die Songs. Alles KI-generiert, von der ersten Sekunde bis zum letzten Pixel. Das ist der klassische Fall einer AI Persona – und genau darauf zielt das Badge.

Sichtbar wird es an drei Stellen: im Banner des Künstlerprofils, in den Suchergebnissen und in den Titelzeilen der einzelnen Tracks.

Wie Spotify entscheidet, wer das Badge bekommt

Zwei Wege führen dahin.

Der erste ist freiwillig: Über Spotify for Artists kann man selbst angeben, dass hinter einem Projekt eine KI-Identität steht.

Der zweite ist der, über den mehr geredet wird. Ein Prüfteam bei Spotify identifiziert Profile mit fotorealistischen, KI-generierten Identitäten auch eigenständig – beginnend bei Profilen, die eine bestimmte Reichweite erreicht haben. Wer betroffen ist, wird benachrichtigt und kann die Kennzeichnung entweder selbst bestätigen oder Einspruch einlegen.

Der Rollout beginnt Mitte September 2026. Später sollen auch Hörer verdächtige Profile melden können.

Der Teil, der wirklich wehtut

Das Badge selbst ist ein Label. Unangenehm vielleicht, aber überlebbar. Die eigentliche Konsequenz steht einen Absatz weiter unten:

Standardmäßig wird Spotify AI Personas weder redaktionell noch in algorithmischen Empfehlungen aufnehmen.

Man muss sich klarmachen, was das heißt. Die wenigsten von uns hören noch gezielt einzelne Songs oder Künstler. Wir hören Playlisten. Wir hören Empfehlungen. Wir hören das, was uns vorgesetzt wird. Wer aus diesen Empfehlungen herausfällt, hat praktisch keine Möglichkeit mehr, aus dem Nichts eine Reichweite aufzubauen. Nur Nutzer, die einem Profil aktiv folgen, bekommen dessen Musik dann noch ausgespielt.

Spotify begründet das so: Die Programmierung sei darauf ausgerichtet, Musik von authentischen Künstlern hervorzuheben, die sich eine Karriere in der Musik aufbauen.

Über diese Formulierung kann man streiten. Aber sie ist eindeutig.

Und wie soll Spotify KI-Musik überhaupt erkennen?

Das Badge betrifft die Identität. Für die Musik selbst hat Spotify andere Werkzeuge angekündigt: AI Credits, mit denen Kreative offenlegen können, welche KI-Werkzeuge in der Produktion im Spiel waren, und SongDNA, das Kontext zu Künstlern und Beteiligten liefert. Dazu kommt ein Gegenstück in die andere Richtung, „Verified by Spotify", das authentische menschliche Künstler ausweisen soll.

Nur: Woher kommen die Informationen, wenn niemand freiwillig etwas angibt?

Die Antwort liefert Suno. Auf der eigenen Website hat das Unternehmen angekündigt:

In den kommenden Wochen werden wir neue Technologien für Audio-Wasserzeichen und Fingerprinting einführen, damit wir enger mit Distributionsplattformen zusammenarbeiten können, um Betrug und Missbrauch zu bekämpfen.

Mit Distributionsplattformen sind Vertriebe wie DistroKid oder CD Baby gemeint. Und weiter:

Diese Technologien sind so konzipiert, dass sie dauerhaft und gegen Manipulation resistent sind, ohne das Hörerlebnis zu beeinträchtigen.

Damit ist die Kette komplett. Ich erzeuge einen Song in Suno und lade ihn herunter – im Signal steckt eine Kennzeichnung. Ich lade ihn bei einem Vertrieb hoch – die Kennzeichnung reist mit. Spotify und Apple Music lesen sie aus und wissen: Das ist ein KI-generierter Track. Ganz ohne mein Zutun.

Warum Suno das macht: der AI Act

Suno tut das nicht aus Nettigkeit. Seit dem 2. August 2026 gelten in der EU die Transparenzpflichten des AI Act, geregelt in Artikel 50. Der Kern für unsere Branche: Anbieter generativer KI müssen ihre Ausgaben – ausdrücklich auch Audio – so kennzeichnen, dass sie maschinenlesbar als künstlich erzeugt oder manipuliert erkennbar sind. Vorgesehen sind dafür zwei Verfahren nebeneinander: digital signierte Metadaten nach dem C2PA-Standard und ein unhörbares Wasserzeichen.

Ein Detail zur Einordnung, das in der Berichterstattung oft untergeht: Der genaue Anwendungszeitpunkt der technischen Kennzeichnungspflicht aus Artikel 50 Absatz 2 wird noch verhandelt – im Gespräch sind November 2026 und Februar 2027. Der Druck ist trotzdem längst da, denn die Bußgelder sind kein Spaß: bis zu 15 Millionen Euro oder drei Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Wichtig ist außerdem, was sich dadurch nicht ändert: Für dich als Musikschaffenden entsteht daraus keine neue Pflicht, deine Songs zu kennzeichnen. Die Pflicht trifft den Anbieter der KI. Was für dich gilt und was nicht, habe ich in einem eigenen Artikel aufgedröselt: KI-Musik kennzeichnen? Was ab August wirklich gilt.

Was heißt das für Hybridproduzenten?

Seit die Suno-Meldung draußen ist, bekomme ich fast täglich dieselbe Frage: Was passiert, wenn ich in Suno nur ein einzelnes Instrument erzeuge, es herunterlade und in meiner DAW weiterverarbeite? Ist mein fertiger Song dann für immer als KI-Musik markiert?

Ich habe direkt bei Suno nachgefragt. Die Antwort wurde mir ausdrücklich als inoffiziell bezeichnet, sie ist also keine Zusage – aber sie ist eindeutig:

Nutzer, die Suno als Werkzeug innerhalb ihres Workflows einsetzen, sind nicht diejenigen, die wir kennzeichnen wollen. Problematisch sind vielmehr diejenigen, die Inhalte zu 100 Prozent aus Suno direkt auf Streamingplattformen stellen.

Treffen soll es also die Massenproduktion: Leute, die hunderte Tracks prompten, herunterladen und ungehört durchreichen. Nicht diejenigen, die ein Instrument, einen Chor oder eine Idee aus der KI holen und daraus im hybriden Workflow einen eigenen Song bauen.

Ich sage bewusst dazu: Das ist eine Absichtserklärung, kein technisches Versprechen. Wie fein ein Wasserzeichen in der Praxis unterscheiden kann zwischen „kompletter Song aus Suno" und „acht Takte Trompete, durch drei Plugins geschickt und in einen Mix eingebettet", muss sich erst zeigen. Ich bleibe da dran.

Fazit

Drei Bausteine, die zusammengehören: Spotify markiert künstliche Identitäten und nimmt sie aus den Empfehlungen. Suno baut die technische Kennzeichnung ein, die das erst überprüfbar macht. Und der AI Act liefert den rechtlichen Grund, warum beides jetzt passiert und nicht in zwei Jahren.

Für alle, die eine Karriere auf einer erfundenen Person aufbauen wollten, wird es deutlich enger. Für uns, die wir KI als Werkzeug in einer echten Produktion einsetzen, ändert sich nach heutigem Stand wenig – außer dass Transparenz darüber, wie ein Song entstanden ist, langsam zur Normalität wird.

Ehrlich gesagt finde ich das gar nicht schlecht. Wer sein Handwerk kann, hat nichts zu verbergen.