Thomas Foster Sound & Vision
GEMA gewinnt gegen Suno – und eine Frage, die mir keiner beantwortet
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GEMA gewinnt gegen Suno – und eine Frage, die mir keiner beantwortet

· von Thomas Foster

Die GEMA hat den KI-Musikdienst Suno verklagt und gewonnen. Am 31. Juli 2026 hat das Landgericht München I entschieden (Az. 42 O 763/25), dass Suno Urheberrechte verletzt. Aber was bedeutet das eigentlich? Und was heißt es für uns, die wir jeden Tag mit diesen Werkzeugen arbeiten?

Was das Gericht entschieden hat

Streitgegenstand waren sechs bekannte Titel: „Atemlos durch die Nacht", „Forever Young", „Mambo No. 5", „Rasputin", „Big in Japan" und „Daddy Cool". Das Gericht kam zu dem Schluss, dass Suno geschützte Werke beim Training nicht nur verarbeitet, sondern in den Modellparametern memoriert – und dass in den generierten Ergebnissen wiedererkennbare Teile davon auftauchen.

Zwei Argumente von Suno ließ das Gericht nicht gelten: die Berufung auf US-amerikanisches „Fair Use" und die Text-und-Data-Mining-Schranke des deutschen Urheberrechts (§ 44b UrhG). Letztere, so das Gericht, decke keine dauerhafte Speicherung von Werken im Modell ab.

Wichtig: Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Suno hat angekündigt, alle Optionen einschließlich einer Berufung zu prüfen.

Ich habe mir die Beispiele angehört

Die GEMA stellt auf ihrer Website die Hörbeispiele bereit, um die es ging – jeweils das Original und die Version, die mit Suno erzeugt wurde. Bei „Atemlos" ist das Ergebnis über weite Passagen tatsächlich verblüffend nah am Original. Das kann man nicht wegdiskutieren.

Und trotzdem stelle ich mir eine Frage. Ich habe vermutlich ein paar tausend Songs geprompted, viele davon bewusst „im Stil von" bekannten Acts. Nicht ein einziger davon hatte je eine hörbare Ähnlichkeit mit einem bestehenden Song.

Also wollte ich es nachstellen. Und da wurde es interessant: Sobald ich den Originaltext von „Atemlos" in das Lyrics-Feld eingebe, blockiert Suno sofort mit dem Hinweis, dieser Text sei urheberrechtlich geschützt. Ich komme also gar nicht erst an den Punkt, an dem so ein Ergebnis entstehen könnte.

Damit bleibt für mich eine offene Frage: Wie genau ist die GEMA zu diesen Resultaten gekommen? Ich habe versucht, die GEMA per E-Mail und telefonisch zu erreichen, bisher ohne Antwort. Sobald ich eine bekomme, erfahrt ihr es hier und im nächsten KI-Musik-Update.

Das ist übrigens ausdrücklich keine Kritik am Urteil. Ob ein Modell geschützte Werke memoriert, hängt nicht davon ab, ob ich als einzelner Nutzer heute noch an diesen Zustand herankomme. Aber für die Einordnung wäre es eben schon relevant zu wissen, unter welchen Bedingungen diese Beispiele entstanden sind.

Nie wieder Chöre aufnehmen: Kits AI Harmony

Kennt ihr das? Die Lead-Vocal ist im Kasten, man denkt, man wäre bald fertig – und dann merkt man, dass erst die halbe Arbeit getan ist. Denn jetzt kommen Doppelungen, zweite Stimmen, dritte Stimmen, Chöre.

Genau dafür gibt es ein neues Werkzeug: Kits AI ist im Kern eine Plattform wie Audimee, auf der man eine Acapella hochlädt und in eine völlig andere Stimme umwandelt. Neu ist die Funktion Harmony – und die ist für den Produktionsalltag deutlich spannender.

Ich habe es an einem Song ausprobiert, an dem ich gerade arbeite: einer Version von „It's a Sin". Der Ablauf ist denkbar einfach.

Vocal Layering

Du lädst die Acapella hoch. Optional kannst du direkt eine Pitch Correction drüberlaufen lassen, falls der Gesang nicht ganz sauber ist – bei mir war das nicht nötig. Dann wählst du:

Das Ergebnis lädst du herunter und ziehst es in die DAW. Und es klingt tatsächlich so, als hättest du mit unterschiedlichen Chorsängerinnen und -sängern echte Doppelungen aufgenommen – ein paar Männer, ein paar Frauen, alle mit leicht eigenem Timing und Timbre. Genau das, was Doppelungen normalerweise so mühsam macht.

Harmony Mode – mit einer Einschränkung

Daneben gibt es den Harmony Mode, der fix eine Terz oder eine Quart über die Melodie legt. Das ist praktisch, aber begrenzt: Echte Harmoniestimmen sind meist komplexer als ein konstantes Intervall. Oft brauchst du für die ersten drei Noten die Terz, danach die Quart und so weiter.

Der Ausweg ist ein bewährter Trick: Bau die zweite Stimme mit einem Tool wie Melodyne, so wie du sie wirklich haben willst – und schick sie anschließend durch die Doubling-Funktion. Dann klingt deine handgemachte Harmoniestimme, als hätte sie ein ganzer Chor gesungen.

„Viva La Vida" mit Uwe Ochsenknecht

Eine Sache in eigener Sache: Das Inselradio Mallorca hat mich gebeten, einen neuen Song mit dem Titel „Viva La Vida" zu schreiben. Als Sänger konnten wir Uwe Ochsenknecht gewinnen, aufgenommen wurde in den Palma Studios, veröffentlicht hat den Song Universal Music.

Für das Video hatte ich die Idee, das Ganze im Pixar-Stil mit Animationstieren umzusetzen. Dann musste ich überlegen, welches Tier zu Uwe passt – und ihn anrufen, um zu fragen, ob ich ihn als Ochsen nehmen darf. Er hat gelacht und sofort zugesagt. Seine Begründung fand ich schön: Videos, in denen der Sänger im Club oder am Strand Dance Moves macht, gibt es genug. Animierte Videos dagegen sieht man selten.

Wenn ihr reinhören wollt: einfach auf eurer Streamingplattform nach Viva La Vida – Thomas Foster / Uwe Ochsenknecht suchen.

Google Flow: Ist Lyria 3.5 wirklich besser als Suno?

Google hat für Flow Music ein neues Musikmodell veröffentlicht: Lyria 3.5. Viele YouTuber behaupten, das sei das beste KI-Musikmodell, das es bisher gibt. Ich habe es getestet.

Ein Detail hat mich sofort überzeugt: Ich kann direkt „Mach mir ein A-cappella" prompten – und bekomme genau das. Bei Suno muss ich erst einen kompletten Song erzeugen und mir dann über die Stems-Funktion die Gesangsspur herausholen. Hier kommt einfach nur der Gesang ohne Begleitung. Das ist eine andere Liga.

Ebenfalls sehr angenehm: die Sprachfunktion. Du hältst die P-Taste gedrückt und sprichst deinen Prompt einfach ein.

Der Praxistest

Mein gesprochener Prompt war bewusst anspruchsvoll: moderner Latin Pop mit Reggaeton-Groove, spanischer Akustikgitarre, warmer Latin-Percussion und eingängigem Refrain. Ein romantisches Duett zwischen einem deutsch singenden Mann und einer spanisch singenden Frau. Sommerlich, leidenschaftlich, radiotauglich. Inhaltlich: ein Torero, der um das Herz einer Spanierin kämpft.

Das Ergebnis hat fast alles getroffen – nur dass die Sängerin stellenweise auch deutsch singt, was ich so nicht wollte. Aber die Klangqualität ist fantastisch, und der Prompt wurde bemerkenswert präzise umgesetzt.

Dann habe ich mir zusätzlich ein Musikvideo generieren lassen. Zwei, drei Rückfragen beantworten, eine Stunde Rechenzeit – und heraus kam ein Video in wirklich guter Qualität mit perfektem Lipsync.

Fast perfektem. Denn an der Stelle, an der die Frau einsetzt, hat die KI nicht verstanden, dass hier eine andere Person singt: Wir hören die Frauenstimme und sehen weiterhin ihn singen.

Mal abgesehen davon, dass mein Testsong ein herrlich kitschiger Schlagermusical-Track geworden ist – technisch ist das beeindruckend. Ob Lyria 3.5 damit generell besser ist als Suno, lässt sich mit einem Song nicht beantworten. Deshalb habe ich beiden Modellen in einem eigenen Video dieselben Prompts gegeben und die Ergebnisse verglichen.

Fazit

Drei Entwicklungen, die in dieselbe Richtung zeigen. Die Gerichte beginnen, dem Training auf geschütztem Repertoire Grenzen zu setzen – und das Urteil aus München wird nicht das letzte bleiben. Gleichzeitig werden die Werkzeuge, mit denen wir im Alltag tatsächlich arbeiten, immer besser: nicht als Knopfdruck-Songgeneratoren, sondern als Assistenten für genau die Arbeitsschritte, die vorher Tage gekostet haben.

Ein Chor aus einer einzigen Stimme ist kein Ersatz für Kreativität. Er ist ein Werkzeug, das dir die Zeit zurückgibt, kreativ zu sein.