Referenztracks: der größte Hebel, den ich kenne
Wenn ich aus meinen Workshops zum Thema Sound nur einen einzigen Punkt retten dürfte, wäre es dieser. Nicht der beste Kompressor, nicht der teuerste Equalizer, nicht irgendein Geheimtrick auf der Summe. Sondern: konsequent mit Referenztracks arbeiten.
Und ich sage das nicht als Theorie. Ich arbeite für Radiostationen, und das heißt, ich bin ständig in einem anderen Genre unterwegs. Gerade machen wir eine Jazz-Radiostation. Ich habe in meinem Leben keine tausend Jazz-Tracks produziert und kenne dort nicht jeden Trick und jeden Sound. Warum kann ich in diesem Genre trotzdem so produzieren, dass die Sender sagen, ihr habt einen richtig guten Sound? Weil wir uns Referenztracks anhören und genau herausarbeiten: Was ist gerade angesagt? Wie muss das klingen? Wie ist das gebaut?
Ich bin keine künstliche Intelligenz, die mal eben ein paar Millionen Songs einsaugt und das Wissen dann gespeichert hat. Ich muss hinhören. Referenztracks sind das Werkzeug dafür.
Das Problem mit dem naiven Vergleich
Die meisten machen es so: Song fertig, dann in Spotify einen professionellen Titel aus demselben Genre aufmachen, hin und her hören. Und dann sitzt man da und ist unglücklich.
Denn was passiert? Mein Track ist ungemastert, also dünn und leise. Daneben läuft eine fertige Produktion mit voller Power, vier oder fünf Dezibel lauter. Ich habe permanent das Gefühl, mein Track klingt einfach schlecht — dabei vergleiche ich nur zwei völlig verschiedene Lautstärken. Lauter klingt für unser Gehör immer erstmal besser. Das ist keine Erkenntnis, das ist eine Falle.
Man kann sich behelfen, indem man den Referenztrack leiser dreht. Ich gehe einen anderen Weg: Ich habe von Anfang an ein Mastering im Projekt.
Warum ich von Anfang an ein Mastering drauf habe
In meinen Projekten liegt schon in der ersten Stunde eine dezente Summenbearbeitung — Multiband-Kompression, Limiter, Equalizer —, die im Laufe der Arbeit immer weiter nachgeschärft wird. Nicht, weil ich zu faul für einen sauberen Ablauf wäre, sondern weil ich das Endprodukt hören will, während ich daran arbeite.
Ich bin damit nicht allein. Mein Kollege Michael Schoech, der auch Workshops bei uns gibt, macht es genauso: Er will hören, wie der Song am Ende klingen wird, wenn er rauskommt. Wie viel Energie hat die Kick am Ende wirklich? Das beantwortet sich nicht im ungemasterten Mix.
Wichtig: dezent. Ein Mastering, das von Anfang an voll aufgedreht ist, verführt dazu, im Mix Fehler zu machen, die der Limiter zudeckt. Es soll die Verhältnisse zeigen, nicht die Arbeit ersetzen.
Der Aufbau: Referenztrack ins Projekt
Ich lege den Referenztrack auf eine eigene Spur im Projekt. Nicht in einem zweiten Programm, nicht im Browser — direkt in der Session. Und dann synchronisiere ich ihn rhythmisch, sodass seine Eins auf meiner Eins liegt und er im selben Takt läuft.
Das klingt nach Pedanterie, ist aber entscheidend. Mich macht es wahnsinnig, wenn ich hin und her schalte und dabei jedes Mal aus dem Takt fliege. Dann bin ich damit beschäftigt, mich neu zu orientieren, statt auf das zu hören, worauf ich hören will: Wie ist das Schlagzeug dort in der Lautstärke? Wie sitzt der Bass? Wie weit vorne steht die Stimme?
Den Referenztrack schiebe ich außerdem so hin und her, dass immer der relevanteste Teil unter meinem gerade bearbeiteten Abschnitt liegt — Refrain gegen Refrain, Strophe gegen Strophe.
Zum Umschalten habe ich einen einzigen Regler gebaut, der beides gleichzeitig macht: Dreht man ihn auf, gehen die Referenzspuren hoch und mein Song auf null; dreht man ihn zu, ist es umgekehrt. Bei mir liegt dieser Regler auf einem Hardware-Fader im Studio, den ich mit den Fingern greifen kann wie an einem Mischpult. Ich muss also nicht mit der Maus irgendwo hinfahren, sondern höre einfach im Vorbeigehen dauernd gegen. Das ist der Unterschied zwischen "mache ich, wenn ich dran denke" und "mache ich permanent".
Der Routing-Trick: am Mastering vorbei
Die häufigste Frage dazu lautet: Wie schaffe ich es, dass der Referenztrack nicht auch noch durch mein Mastering läuft? Denn wenn er das tut, komprimiere und limitiere ich eine bereits fertige Produktion ein zweites Mal — dann vergleiche ich wieder Äpfel mit Birnen.
Die Lösung ist unabhängig von der DAW immer dieselbe, und sie besteht aus einem zusätzlichen Bus:
- Alle Instrumente laufen wie gewohnt in ihre Gruppen — Drum-Bus, Bass-Bus, Vocal-Bus und so weiter.
- Alle diese Gruppen laufen nicht direkt in den Master, sondern gemeinsam in einen weiteren Bus.
- In diesem Bus liegt das Mastering. Nicht im Master-Kanal.
- Der Referenztrack geht direkt auf den Master-Kanal — und damit an dem Bus vorbei, in dem das Mastering sitzt.
Damit hört man auf demselben Ausgang zwei Signale nebeneinander: den eigenen Song, komplett fertig bearbeitet, und die fremde Produktion, unangetastet. Genau so, wie beide später beim Hörer ankommen.
Lautstärke messen: LUFS und ein kostenloses Plugin
Wenn beides gemastert nebeneinanderliegt, kommt die zweite Frage: Bin ich eigentlich laut genug?
Gemessen wird das in LUFS. Anders als ein Pegelmesser, der einen einzelnen Moment anzeigt, misst man damit die durchschnittliche Lautheit — am sinnvollsten über den ganzen Song.
Das Werkzeug dafür kostet nichts: der Youlean Loudness Meter. Es gibt eine Pro-Version, aber die braucht man dafür nicht; ich arbeite mit der kostenlosen. Ich lege das Plugin zweimal ins Projekt — einmal auf den Referenztrack, einmal auf meinen eigenen Mastering-Bus. Dann lasse ich beide durchlaufen und vergleiche schlicht die Zahlen.
Als grobe Orientierung, was in welchem Genre üblich ist:
| Genre | Zielbereich |
|---|---|
| Harter EDM, Festival-Sound | −7 bis −6 LUFS |
| House, Dance | rund −8 LUFS |
| Pop, Radio-Produktionen | rund −8 LUFS |
| Rock, Singer-Songwriter | −10 bis −12 LUFS |
| Jazz, Akustisches | −12 bis −14 LUFS |
Und dann ist es fast schon Handwerk: Wenn ich im Refrain bei −11 lande und −8 will, fehlen mir drei Dezibel. Also drehe ich den Limiter entsprechend nach und messe noch einmal nach. Man rechnet sich dabei auch mal um ein Dezibel, das gehört dazu.
Ein Hinweis, den man dazusagen muss: Die Streamingdienste normalisieren beim Abspielen ohnehin auf ihren eigenen Wert herunter. Lauter mastern heißt also nicht lauter klingen — es heißt nur, dass mehr Dynamik verlorengeht. Die Werte oben sind deshalb keine Ziele, die man überbieten sollte, sondern Korridore, in denen ein Genre üblicherweise klingt.
Nebenbei sieht man an der Anzeige noch etwas Lehrreiches: In den Passagen, in denen ich die Bässe herausgefiltert habe, geht der LUFS-Wert spürbar nach unten. Die tiefen Frequenzen machen den größten Teil des Pegels aus. Wer sich wundert, warum sein Track nicht laut wird, obwohl der Limiter arbeitet, findet die Antwort meistens dort unten.
Was man dabei wirklich lernt
Der eigentliche Gewinn ist nicht die eine Korrektur an diesem einen Song. Es ist das, was hängenbleibt.
Wenn ich jeden Abend als DJ House auflege, brauche ich vermutlich keine Referenztracks mehr — ich kenne die Tricks und weiß, welche Sounds gerade angesagt sind. Alle anderen, und dazu gehöre ich in jedem neuen Genre, bekommen über den Referenztrack genau dieses Wissen: welche Sounds gerade laufen, wie breit gemischt wird, wie weit vorne die Stimme steht, wie viel Bass üblich ist.
Man vergleicht nicht, um sich schlecht zu fühlen. Man vergleicht, um zu lernen — und stellt nach ein paar Songs fest, dass man immer seltener nachschauen muss.
