Nicht die teuren Sounds — die richtigen
Man glaubt gar nicht, wie viel davon abhängt, welchen Sound man überhaupt lädt. Ich sehe in Workshops immer wieder Tracks, an denen stundenlang gemischt wurde, obwohl das Problem viel früher liegt: Der Sound war von Anfang an der falsche für dieses Genre. Da hilft kein Equalizer mehr.
Deshalb ein Punkt, über den erstaunlich wenig geredet wird, weil er unglamourös ist: die Soundauswahl.
Die mitgelieferten Sounds sind meistens nicht das Problem — und selten die Lösung
Ich muss das mal so deutlich sagen: Aus meiner Sicht sind die Werkssounds der meisten DAWs für die Musik, die die meisten von uns machen, einfach nicht gut.
Wobei „gut" natürlich ein dehnbarer Begriff ist. Wer experimentelle Musik macht, sagt zu Recht: Genau dafür brauche ich diese Sounds, die da in Bitwig oder Cubase drin sind. Die sind toll. Aber wenn ich einen Pop- oder Dance-Track baue und auf Pads gehe, dann brauche ich keine hundert Pads. Ich brauche zehn wirklich gute — ein helleres, ein etwas deeperes, ein warmes. Stattdessen bekomme ich, sofern es überhaupt eine Funktion gibt, gezielt nach Pads zu suchen, irgendwelche experimentellen Klangflächen, die ich nie in einen Track setzen würde.
Am besten aufgestellt ist in dieser Hinsicht meiner Erfahrung nach Logic. Da habe ich am ehesten die Vision, dass ich diese Sounds tatsächlich einsetzen könnte. Bei den meisten anderen DAWs eher nicht.
Das heißt nicht, dass man die Werkssounds wegwerfen soll. Es heißt: Man muss dafür sorgen, dass die Sounds, die im eigenen Genre relevant sind — die also auch bei den großen Produktionen zum Einsatz kommen —, überhaupt zur Verfügung stehen.
Teuer ist nicht dasselbe wie passend
Es gibt großartige Firmen wie Native Instruments, die fantastische Sounds bauen. Ein Klavier, das viele Gigabyte groß ist, mit zehn oder zwanzig Mikrofonierungen im teuersten Studio aufgenommen. Für bestimmte Produktionen ist das genau das Richtige — Filmmusik zum Beispiel, wo dieses eine Instrument den ganzen Raum trägt.
Für sehr viele Produktionen brauchen wir aber gar keine so aufwendigen Sounds. Wir brauchen die richtigen.
Und das ist der Punkt, der vielen zuerst wehtut: Ein simples, fast billiges Pad, das nichts Aufregendes macht, ist im EDM- oder Pop-Track oft genau das, was man hören will — und ein achtzig Gigabyte großes Klavier, bei dem noch mal komplett neu überdacht wurde, wie man ein Klavier aufnimmt, hilft dort gar nicht.
Deshalb schätze ich Instrumente wie den Nexus von reFX. Der hat genau diese unaufgeregten Pads und diese simplen Plucks. Nichts, worüber man einen Fachartikel schreiben würde. Aber genau das, was in dem Track passieren soll. Seit der fünften Version kann man dort auch die Sounds selbst deutlich weitergehend beeinflussen, was ein großer Schritt nach vorne war.
Synthesizer: Omnisphere, Serum, Vital
Wenn es um Synthesizer geht, gibt es drei Namen, die in unseren Workshops immer wieder fallen.
Omnisphere von Spectrasonics: unheimlich guter Synth mit einer riesigen Library, die schon in der Grundversion mitgeliefert wird. Michael Schoech, der bei uns die Synthesizer-Workshops gibt, arbeitet sehr gerne damit. Von der Bedienung her finde ich ihn ein bisschen kompliziert — man klickt sich durch viele Tabs, bis man da ist, wo man hinwill. Vom Klang her ist er gewaltig.
Serum ist wahrscheinlich der beliebteste Wavetable-Synthesizer überhaupt, wenn man in Richtung EDM und Pop unterwegs ist.
Vital macht im Prinzip dasselbe — und die Hauptversion ist kostenlos. Das ist so ein klitzekleiner Pluspunkt. Es ist ehrlich gesagt unfassbar, dass ein Instrument, das alles hat, was man braucht, kostenfrei zu haben ist. Wer sich noch nie an einen Wavetable-Synthesizer herangetraut hat, sollte genau dort anfangen: Man kann nichts falsch machen, es kostet nichts, und was man dort lernt, überträgt sich eins zu eins auf Serum und die anderen.
Drums und Bässe: Libraries, die sich durchgesetzt haben
Es gibt niemals diese eine Library, die alles abdeckt. Manchmal kommen welche in die Nähe.
Im Bereich Pop und Dance hat sich etwas sehr breit durchgesetzt: die Sounds of KSHMR. KSHMR ist der DJ, und die nach ihm benannten Pakete sind so aufgebaut, wie man tatsächlich arbeitet. Es gibt Drum-Loops, die sind auch ganz nett — aber viel wichtiger sind die Einzelsamples. Da öffnet man den Ordner Kicks und findet sie nach Genre sortiert: EDM-Kicks, noch einmal unterteilt in Big Kicks, Hardstyle, House-Kick, Punchy. Und dann hört man sich einfach durch, bis das Bumm da ist, das man sucht. Genauso bei Snares, Claps, Impacts und Soundeffekten.
Bei etwa neunzig Prozent meiner Produktionen kommen Sounds von KSHMR oder aus unserer eigenen Mutant-Library zum Einsatz. Beide sind bei mir standardmäßig im Startprojekt geladen.
Zu den Versionen: Es gibt mittlerweile mehrere Bände, und die aktuellste ist immer die teuerste. Die älteren Bände bekommt man inzwischen sehr günstig im Paket — und der Unterschied ist nicht so groß, dass er die Kaufentscheidung tragen sollte. Wer anfängt, ist mit den früheren Bänden bestens bedient.
Eine Library, die ich vor Kurzem entdeckt habe und über die ich auch ein eigenes YouTube-Video gemacht habe, heißt Pop Lab. Warum die mich so überzeugt hat: Sie trifft genau den Pop-Sound, der im Radio läuft.
Denk mal an Coldplay. Auf der Bühne stehen sie da wie eine klassische Rockband, mit Schlagzeug und Gitarren. In der Studioproduktion höre ich davon fast nichts — das ist wie von einem DJ produziert: elektronische Drums, Synthesizer im Bass. Genau diese Sounds, die man bei Dua Lipa und all den anderen aktuellen Radio-Produktionen hört, findet man in solchen Libraries. Und auch hier gilt: Die Loops sind nett, aber interessanter sind die Einzelsamples, aus denen man sich die eigenen Loops baut.
Wie du für dich das Richtige findest
Es gibt keine Liste, die für alle stimmt. Was es gibt, ist ein Vorgehen:
- Genre zuerst, Library danach. Nicht fragen „Welche Library ist die beste?", sondern „Welche Sounds höre ich in den Produktionen, die ich anstrebe?" Das ist übrigens genau der Punkt, an dem Referenztracks ein zweites Mal helfen: Man hört nicht nur den Mix, man hört auch die Klangfarben.
- Einzelsamples schlagen Loops. Loops klingen im Demo immer beeindruckend und im eigenen Track selten passend. Aus Einzelsamples baust du dir das, was zu deinem Arrangement gehört.
- Ordnung ist mehr wert als Menge. Eine Library, in der du in zehn Sekunden die passende Kick findest, ist mehr wert als drei, in denen du dich verlierst.
- Ins Template legen. Was du in neun von zehn Songs benutzt, gehört ins Startprojekt und nicht in einen Browser, den du jedes Mal neu durchsuchst.
Der Rest ist Ausprobieren. Aber wenn ein Track sich im Mix nicht so anfühlen will wie die Referenz, obwohl an allen Reglern gedreht wurde: Es liegt öfter am geladenen Sound als am Equalizer davor.
